Dienstag, 30. Oktober 2007

Leben/Presseschau: Vom schnellen Ende - oder auch nicht (von Realist)

"Who wants to live forever?" So haben es Queen formuliert, und ohne Zweifel zieht sich die Frage nach dem ewigen Leben durch die Menschheitsgeschichte - allerdings im Regelfall in den Abteilungen "Esoterik", "Märchen", "Religion" und dergleichen.

Da muss erst wieder ein Informatiker kommen (war ja klar), um die Sache mal rational anzugehen: Aubrey de Grey. Der sagt, wenn wir das jetzt ernsthaft angehen, erreichen wir eine Lebensspanne von 1000 Jahren (was zugegebenermassen auch nicht "forever" ist) - und das sagt er, auf sehr unterhaltsame Weise ("Altern ist auf jeden Fall ungesund"), im Interview (Sueddeutsche online) und auf der Bühne (TED).

Für mich ist es aber immer wieder erstaunlich, dass die Menschheit offensichtlich so ein gesteigertes Interesse am ewigen (oder zumindest auf einen Zeitpunkt hinter dem Tellerrand verlängerten) Leben hat. Ich persönlich würde ja die Lösung aus "Flucht ins 23. Jahrhundert" (um mal wieder beim Thema Kino zu landen) bevorzugen. Da wurde man an seinem dreissigstem Geburtstag, unter dem Jubel aller, und höchst zeremoniell zu Staub zerblasen. Ok, zugegeben: Der Mob hat auch da "Erneuerung" gerufen - und es auch geglaubt. Here we go again.

Danke an A. aus W. für den Tipp!

Kommentare:

Optimist hat gesagt…

Mir ist schleierhaft, wie eine lebensverlängernde Maßnahme anders als positiv bewertet werden kann. Warum früher Schluss machen, wenns doch noch hoch her gehen kann? Und mit 30 vaporisieren ... da haben wir ja wohl den geeigneten Zeitpunkt leicht verpasst, was?

Aber ich sehe schon die religiösen Eiferer aus dem Gebüsch springen und der Welt verkünden, nur in ihrer Gemeinschaft/ Relgion/ Himmelfahrtskommando darf man noch in dem Alter ableben, wie Gott es vorgesehen hat. Als habe Gott - wenn es ihn gäbe und es ihn interessierte - nicht zugelassen, das wir selber am Dimmer drehen.

Im Grunde wird sich nicht viel ändern. Die Bösen bleiben länger Böse, die Guten länger gut, Putin bekommt mehr präsidale Amtszeiten und die Mafia spritzt einem Müll in die Zellen, wenn man sich mit Schutzgeld nicht anfreunden kann.

Einzig ungeklärt ist für mich noch, ob die Rente dann mit 670 kommt. Aber bei 650 Arbeitsjahren fällt dann auch mein Rentenbescheid deutlich positiver aus als heute.

Realist hat gesagt…

Weil das genau so ist, wie an der Börse und bei Parties: Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören :o)

Aber das ist ja nicht der Punkt - es ging ja um verlängern nicht ums verkürzen.

Ich weiss nicht, ob de Grey Recht hat, wenn er sagt, dass die Leute dann weniger Risiken eingehen würden, weil ihnen ihr langes Leben zu viel Wert ist. Denn im Grunde macht man das ja heute auch nicht, obwohl so eine normale Lebensspanne ja auch heute schon ganz schön lange ist.

Falls er aber Recht hat, dann wird das eine Gesellschaft, in der ich nicht leben möchte. Da muss ich nur "Isaac Asimov" lesen (was de Grey wahrscheinlich auch gemacht hat, er ist ja Informatiker :o) )

Was die Religionen angeht, ist das eine gute Frage. Im Grunde wurden Relgionen ja nur erfunden um Leute zu kontrollieren, und ihnen ihr Leben mit der Hoffnung auf ein besseres "Danach" erträglich zu machen. Das ganze funktioniert auch heute noch prima, weil aus irgend einem Grund der Mensch nicht anerkennen will, dass er kommt, geht und keine Rolle spielt.

Geht er (vorerst) aber nicht mehr, gäbe es eigentlich keinen Bedarf mehr an Religion, da man sich um das Jenseits keine Gedanken mehr machen muss - zumindest die ersten 800 Jahhre :o)

Oh: Da sehe ich aber Konflikpotential! 70% der Bevölkerung sind egozentrische Risikovermeider und 30% sind 800-plus-Jährige, religöse Fanatiker, die zum Ende hin in Panik geraden!

Das führt dann wohl über kurz oder lang zu einer totalitären Religion. Die 70% brauchen Struktur, Halt und Disziplin in ihrem ereignislosen, viel zu langen Leben und die 30% brauchen eine Relgion, die sie naturgemäss dann ja auch jedem anderen aufzwingen müssen.

Alles in allem: Nö, da muss ich nicht dabei sein.

Optimist hat gesagt…

Das Menschen aufgrund einer hohen Alterserwartung vorsichtiger werden als heute, glaube ich auch nicht. Eher kann ich mir noch vorstellen, dass man angesichts der absurden Alterszahl, die man erreichen kann, deutlicher zur Unvorsicht neigt, zum Extrem. Der Tod ist dann soweit weg, dass man sich ihn dochmal auf Du-und-Du in die Nähe holt. Sonst ist das doch völlig abstrakt, 1000 Jahre alt zu werden.

Das Religion erfunden wurde, um Leute zu kontrollieren, ist vermutlich nicht richtig. Sie wurde seit jeher dazu benutzt, aber gewiss nicht dazu erfunden.

Es bleiben neben der Frage nach dem wohin immer noch so bedeutsame Fragen wie woher und warum und es wird immer einen Teil der Welt geben, den man wissenschaftlich nicht erklären kann - dafür bildet die Religion immer das passende Stück Erklärung, bis es dann doch aufgehellt wird. Aber bis die Entstehung des Universums geklärt ist, wird es Platz für religiöse Interpretation geben - um Antworten anzubieten, die die Leute haben wollen. Mit manchen aktuellen Antworten herrscht ja auch Unzufriedenheit - wohin: Sarg, Maden, Verwesung;

Was wäre das für eine schöne Welt, die von Weisen Menschen regiert werden kann, die die großen Muster der Fehler der Menschheit erkennen, in einem Weisenrat die Geschicke aus viel klarerer Perspektive als 4 Jahre Legislatur zu lenken wissen und weit davon entfernt sind, mit gerade erlangter Regierungsreife schon nach dem Motto "nach mir die Sintflut" leben zu können.

Eine SCHÖNE Welt, in der es sich lohnt, den Reifeprozess der Menschheit zu beobachten.

Realist hat gesagt…

Haarspalter! :o) Ok, Religion als solche wurde aus spirituellen Gründen heraus "erfunden". Religion als Institution war hingegen schon immer ein Machtinstrument.

Den "Rat der Weisen" wird's aber trotzdem nicht geben - zumindest nicht so wie du ihn haben willst.

Zum einen wird eine 4-jährige Legislaturperiode durch eine 1000-jährige Lebensspanne weder richtiger noch falscher - sie wird uns also wahrscheinlich (im Prinzip) erhalten bleiben.

Zum anderen wären über kurz oder lang in diesem "Rat" mit Sicherheit nicht die Leute vertreten, die man da haben will. Wenn jeder so alt wird, gibt es ja keine natürliche Auslese (bzw. keine Konzentration von Weisheit) für den "Ältestenrat". Es landen dort also die gleichen Leute wie heute: 1% Weltverbesserer und 99% Machtmenschen, und die agieren zuallererst mal zu ihrem Vorteil, denn das liegt in der NATUR des Menschen - Lebensspanne hin oder her.

Lässt du die dann noch auf Lebenszeit schalten und walten, hast du (wieder) ein totalitäres Regime - ob jetzt mit oder ohne Religion.

Und was den "Reifeprozess" angeht: Den gibt's nicht. Die Menschheit wird nur bequemer, gemütlicher, ruhiggestellter. Kratz diese dünne zivilisatorische Schicht ab und wir schlagen uns den Schädel ein, wie neulich im Neantertal.

Oder wie sagt es doch Walther Moers so schön: "Hier kommt keiner lebend raus"

Optimist hat gesagt…

Deiner Einschätzung liegt zugrunde, dass sich mit mehr Jahren nicht mehr Weisheit und deswegen im Prinzip das Leben von heute - also bis ca. 80 - dann in Zeitlupe mit 1/10 Geschwindigkeit abläuft.

Ich sage, da jemand mit 80 weiser ist als mit 40, wird er mit 800 deutlich weiser sein als mit 80.

Daher ist eben nicht zu erwarten, dass sich in Sachen Weisheit und der daraus abgeleiteten Handlung nichts tut.

Und das wird spannend!

Die Jahreszahl, in der das Gehirn eine Topleistung bringen kann, wird sich verzehnfachen. Ein Studium könnte 10x soviel Zeit in Anspruch nehmen. Interdisziplinäre Studien wären an der Tagesordnung. Vernetztes Denken endlich auch im Zeitbudget möglich, wäre an der Tagesordung.